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Stillos. Die Ästhetik des

angenehmen

Prof.'in Dipl.-Ing. Kathrin Volk

lehrt Landschaftsarchitektur und Entwerfen.

Sie ist Landschaftsarchitektin und lebt in Bad Nenndorf.

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Das Angenehme ist weniger die Beschreibung eines Stils, als vielmehr eines Gefühls: unmittelbar empfundenes Wohlbehagen. In seinem Vortrag „Function, Fiction, Feelings and Form. Zur Ästhetik des Angenehmen in der Landschaftsarchitektur“, führt Wulf Tessin, Soziologe und Freiraumplaner, aus dass die Nutzer von Raum, das Angenehme zum einem im Zuhause, im privaten Wohnraum, zum anderen im Freiraum, im öffentlichen Park, suchen und empfinden. Beides Orte, die eine Gegenrealität zur Hektik von Stadt, zu Lärm, zur Arbeitswelt darstellen und Orte der Erholung, Entspannung und Zerstreuung sind.
Der private Raum ist individuell verschieden und wird nach eigenen Vorstellungen, Bedürfnissen und Vorlieben gestaltet und entzieht sich einer Beurteilung. Der öffentliche Raum, der Freiraum wird für die Nutzer gestaltet. Sie werden entworfen, diskutiert, gebaut und dann der Öffentlichkeit übergeben, in der Hoffnung, dass sie so angenommen werden, wie sie gedacht sind.

Nicht immer funktionieren die so gestalten Räume für diejenigen, die sie nutzen. Es liegt daran, dass sie fertig sind, klug durchdacht, mit schönen Materialen gestaltet und mit zahlreichen Angeboten ausgestattet lassen sie jedoch keinen Raum mehr für Aneignung und Phantasie.

Sie nutzen sich ästhetisch ab, sodass ihre gestalterische Qualität zunehmend weniger eine Rolle spielt für den Aufenthalt. In den Vordergrund treten andere Aspekte, wie das Beobachten und Erleben von Natur, von Ereignissen und Begegnungen.

Wulf Tessin nennt dies „geschehensorientierten Ästhetik“, die bedeutsamer ist als die Gestalt des Stadtraumes.

Eine Ästhetik des Angenehmen

geht also weit über den gebauten Raum hinaus. Sie bedeutet die Integration von Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen zur Gestaltung ihres Lebensumfeldes und führt zu einer völlig neuen Umsetzungsästhetik. Sie forderte die Akzeptanz des Unvollkommenen, auch des Stillosen, die Fähigkeit, sich im Umsetzungsprozess an manchen Stellen zurückzunehmen um Freiraum zu geben, für gestalterische Handlungen der Nutzer.

Die Aufgabe des Entwerfers wird es sein Prozesse zu initiieren und zu begleiten, den Rahmen zu schaffen, auch gestalterisch, innerhalb dessen sich Sozialgestalt entwickeln kann. Der Ansatz, das Stillose der Ästhetik des Angenehmen nicht nur zu akzeptieren, sondern seine besondere Anziehungskraft
zu erkunden, ist für das Entwerfen eine neue, große Herausforderung.

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